Zeitzeugengespräch mit Frau Judith Ribic

„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin …“
Gespräch mit Zeitzeugin der 2. Generation

Angespannte Stille im Saal. Ungläubiges Kopfschütteln. Große Betroffenheit.

Es ist das Schicksal Ernst Reiters, das die Zuhörerinnen und Zuhörer aus den 4. Klassen in seinen Bann zieht: Ernst Reiter (Jahrgang 1915) wird mit elf Jahren Vollwaise, seine Eltern haben das Leben nicht länger ertragen. Aufnahme findend bei Tante und Großmutter kommt er mit den Zeugen Jehovas in Kontakt und richtet fortan sein Leben nach der Bibel aus. Schnell gerät er nach dem Anschluss in Konflikt mit dem NS-Regime, weil er das fünfte Gebot
(„Du sollst nicht töten“) über den Einberufungsbefehl der Deutschen Wehrmacht stellt. Als Wehrdienstverweigerer landet er nach verschiedenen Gefängnisaufenthalten im November 1940 im Konzentrationslager Flossenbürg, wo er einen langen Leidensweg antritt, der vom Galgenhängen über die Ausbeutung im Steinbruch bis hin zum Todesmarsch reicht. Und dennoch darf er weiterleben, den amerikanischen Befreiern sei Dank. Angespannte Stille im Saal. Ungläubiges Kopfschütteln. Große Betroffenheit.

Es ist nicht nur das Schicksal Ernst Reiters, das berührt, sondern auch die Art und Weise, wie seine Tochter Judith Ribic und Esther Dürnberger, Referentin des Vereins Lila Winkel, es den jugendlichen Zuhörerinnen und Zuhörern näherbringen. Judith Ribic ist eine Nachgeborene, noch nicht geboren, als ihrem „Vati“ das Leid angetan wird. Sie hat dunkle Ahnungen, erfährt aber erst spät sein Schicksal, er will ihre Kindheit nicht damit belasten. Erst in jugendlichem
Alter macht er sie nach und nach mit den Abgründen der NS-Zeit und des KZ Flossenbürg vertraut. Sie lernt ihn verstehen und schätzen – seine Prinzipien, seine Lebensfreude und seinen Verzicht auf Rache. Nach dem Tod ihres Vaters macht sie es sich zur ehrenamtlichen Aufgabe, die Erinnerungen an die Geschehnisse von damals wachzuhalten und in unzähligen Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen dem Vergessen vorzubeugen.

Den beiden Gästen wird zurecht die ungeteilte Aufmerksamkeit der 4. Klassen zuteil, auch die der begleitenden Lehrpersonen.

Mag. Johannes Teufel